Zeit für guten Journalismus
„O weh, o weh! Ich werde zu spät kommen“, sagt das weiße Kaninchen aufgeregt, während es seine Uhr aus der Westentasche zieht, auf das Ziffernblatt blickt und eilig davon hoppelt. Modernen Journalisten geht es heute wie dem hyperaktiven Langohr in Lewis Carolls Erzählung „Alice im Wunderland“: Sie stehen permanent unter Zeitdruck.
Doch wenn Zeit für Medienunternehmen ausschließlich Geld ist, bleibt Qualität auf der Strecke. Recherche bedeutet heute für viele Journalisten nicht mehr, sich vor Ort selbst ein Bild zu machen. Ein Blick auf das, was die Kollegen bereits veröffentlicht haben muss häufig reichen. Die Folge: oberflächliche Mainstream-Berichterstattung auf allen Kanälen.
Recherche ist jedoch das Fundament des journalistischen Handwerks. Einmal mehr, wenn Themen nicht nur mehrfach verwertet, sondern crossmedial aufbereitet werden sollen. Medien bieten heute so viele Ausdrucksformen wie noch nie. Darstellungsformen und Gattungen kennen keine Grenzen: Text, Bild, Video und Audio stehen nicht mehr für separate Kanäle, im Internet sind sie einzelne Bausteine und beliebig kombinierbar.
Darin steckt eine großartige Chance: Medienschaffende können ihre Berichterstattung enorm vertiefen und jedes Thema bestmöglich darstellen – es ist Zeit für guten Journalismus. Doch guter Journalismus braucht eben auch Zeit. innsicht gibt unseren Studierenden die Möglichkeit, sich Gedanken über die sinnvolle crossmediale Aufbereitung eines Themas zu machen.
Die zweite Ausgabe von innsicht widmet sich dem Thema Zeit – und erscheint zeitgemäß online als crossmediales Magazin. Mit innovativem Design und neuen Darstellungsformen. Zum Beispiel verbindet die Rubrik „Sequenz“ Audio und Foto zu einer sehr persönlichen Form des Portraits: innsicht-Redakteure haben vier Menschen mit der Fotokamera begleitet, die selbst von ihren Berufen erzählen, in denen Zeit eine besondere Rolle spielt.
Unsere Studierenden haben während der Recherche viele Facetten der Zeit entdeckt: Sie ist ein einziger Augenblick, der unser Leben verändert und das unendliche Warten auf ein Wiedersehen mit dem Liebsten. Zeit vergeht unaufhaltsam, auch wenn Wissenschaftler daran arbeiten, das Altern aufzuhalten. Und für Werbetreibende ist sie ein Mittel zum Zweck: Wenn es etwas nur für kurze Zeit gibt, verkauft es sich einfach besser.
Bleibt abschließend die Einladung der innsicht-Redaktion an Sie, sich Zeit für das Ergebnis zu nehmen. Der deutsche Schriftsteller James Krüss hat es auf den Punkt gebracht: „Haltet die Uhren an. Vergesst die Zeit. Ich will euch Geschichten erzählen.“
Viel Vergnügen wünscht

Cornelia Wolf
Chefredakteurin




